Geistliche Leiterin der CAJ Ägypten im Interview

Otto Meier (KAB-Diözesansekretär Freiburg) traf bei der Sitzung des Internationalen Rates der WBCA Sabah Eskandard. Im Interview erzählt sie über die Revolution und ihren zweiwöchigen Kampf auf dem Tahrirplatz in Kairo.

Angaben zur Person: Sabah Eskander ist verheiratetet, 1 Kind und arbeitet als Sozialarbeiterin. Sie ist Vorsitzende der ACO – Action Catholique Ouvrière (KAB) in Ägypten und geistliche Leiterin der JOC (CAJ – Christliche Arbeiterjugend) Ägyptens.

Welche Entwicklungen und Ereignisse haben die Demonstrationen ausgelöst?

Die allgemeinen Lebensbedingungen haben sich immer mehr verschlechtert. Gleichzeitig nahm die Korruption in Ägypten zu. Das Leben der Armen gestaltete sich von Monat zu Monat schwieriger und gleichzeitig brachten die politischen Entscheidungen noch mehr Vorteile für die Oberschicht. Ich spreche hier für 85% der Ägypter die

  • unterhalb der Armutsschwelle leben müssen
  • unter einem ständigen Trinkwassermangel leiden,
  • die wenige politische Rechte haben und insbesondere keine Demonstrationsfreiheit,
  • deren Kinder eine mangelnde Erziehung und Bildung erfahren, was immer mehr Analphabeten hervorbringt,
  • die unter dem immer größer werdenden Hygienemangel leiden und unter Hepatitis und Nierenversagen erkranken.

Den Armen in Ägypten blieb nur noch der Tod. Die Menschenwürde wurde missachtet und die Oberklasse hat es geschafft, der Bevölkerung eine latente Hoffnungslosigkeit einzuflößen. Drei große Ereignisse waren bedeutend:

  1. Die Wahlen zur Volkskammer waren zu 80% gefälscht. In früheren Wahlen konnte die Opposition 20% der der Sitze erlangen. Bei den Wahlen in 2009 waren es nur noch 10 Sitze.
  2. Die Bombe vor der koptischen Kirche am Neujahrstag. Es wird vermutet, dass der ehem. Innenminister hinter dem Anschlag steckt.
  3. Die Hoffnung aus Tunis kam nach Ägypten herüber.

Den letzten Ausweg sah man darin, zum Tahrirplatz zu ziehen und hinauszuschreien: „Jetzt reicht’s!“ Eine neue Bewegung ist entstanden: „Es ist genug!“

Schildern sie uns bitte die Aktivitäten der Volksorganisationen seit dem 25. Januar 2011

Für diesen Tag waren die ersten großen Demonstrationen angekündigt. Bereits am Vorabend war die Polizei auf dem Platz präsent und die ersten Demonstranten wurden mit Tränengas beschossen. Alles war noch sehr unorganisiert auf unserer Seite. Deshalb haben wir entschieden, dass die kommenden Freitage jeweils nach dem Freitaggebet Demonstrationstage sein sollen. Der erste Freitag, 28. Januar war der Tag der Wut. Der zweite Freitag wurde zum Tag des Abgangs des Präsidenten ausgerufen und der dritte Freitag sollte der Tag der Geduld werden. Der erste Freitag war sehr hart, weil die Polizei verschwunden ist und die Gefängnisse geöffnet wurden. An diesem Abend waren auch die von der Regierung gekauften Schläger und Plünderer unterwegs. Das Internet und die Mobilfunkverbindungen wurden gesperrt und eine nächtliche Ausgangssperre wurde verhängt. Gleichzeitig wurden die Demonstranten denunziert, dass sie vom Ausland Geld erhalten würden.

Haben Sie auch an den Demonstrationen teilgenommen?

Als ich gehört habe, dass der Platz besetzt wird – ich wohne direkt an der Straße, wo die Demonstrationen durchgezogen sind – ging ich, auch motiviert durch Kollegen und Freunde, zu Platz. Ich habe zwei Wochen in den Zelten auf dem Platz gelebt und mich insbesondere um die Essensversorgung gekümmert. Ich habe vordringlich verschleierte Frauen versorgt, um ein Zeichen der Solidarität unter den Religionen zu setzen. Unter den Christlichen Bewegungen hat es eine große Solidarität gegeben, die sich gegenseitig mit Essen und Medikamenten versorgt haben. Zwei Priester waren Vorort und die geistliche Leiterin der CAJ, Sabah, die sich um die Jugendlichen gekümmert haben. Neu war, dass sich die Jugendlichen aus allen Schichten und politischen Richtungen vereinten, um das Land zu befreien. Es gab nicht nur die Forderung der Abdankung von Mubarak, sondern aller korrupten Personen. Es wurde bekannt, dass der Innenminister hinter dem Massaker gegen die Christen stand. Deshalb musste die Volkskammer aufgehoben werden.

Bitte schildern Sie uns einige persönliche Eindrücke vom Tahrirplatz

Wir wurden in den ersten Tagen mit Tränengas und Wasserwerfern angegriffen. Wir wurden mit amerikanischen Waffen angegriffen. Es hat dabei auch Tote gegeben. Trotzdem war es gut, dass dies keine Gegengewalt der Demonstranten provoziert hat. Wir hatten die Idee Präsident Obama einen Brief zu schicken und ihn zu fragen, warum er dem ägyptischen Regime Waffen verkauft hat, die nun gegen das Volk eingesetzt werden. Die Beziehungen zwischen den Muslimen und Christen hat sich exzellent entwickelt. Wenn jemand in die Masse gerufen hat: Islam, Islam kam zur Antwort Bürgergesellschaft, Bürgergesellschaft. Es gab eine große Religionsübergreifende Solidarität auf dem Platz. Wir waren uns bald einig, dass wir für einen Staat kämpfen, der nicht durch eine Religionsgemeinschaft bestimmt wird. Es gab ganz außerordentliche Erfahrungen: Als die ganze Stadt geplündert und bekannt wurde, dass dies bezahlte Plünderer waren. Sofort haben sich in den Straßen Bürgerkomitees gebildet, die die Häuser beschützt haben. Ich habe mich erstmals mit meinen muslimischen Hausnachbarn auf der Straße getroffen, um gemeinsam unsere Wohnungen zu beschützen. Nach dem Ende der Platzbesetzung haben die Jugendlichen den Platz aufgeräumt, den Müll beseitigt, damit der Verkehr wieder fließen kann.

Welche Rolle nahmen die christlichen Kirchenleitungen ein?

Ich bedaure sehr, dass die beiden christlichen Kirchenleitung, Orthodoxen und Kopten, ihre Mitglieder aufgerufen haben, nicht an den Demonstrationen teilzunehmen.. Also große Hoffnung hat sich die Jugend gezeigt. Es waren vor allem Studenten und Hochschulabsolventen, die sehr engagiert gekämpft haben. Hier stellt sich die Frage, ob sie weiterhin dabei sind. Ein großer Mangel war, dass die Revolution nicht im entscheidenden Maße von der Arbeiterklasse getragen wurde. Dies ist auch eine Auswirkung davon, dass die Gewerkschaften sehr geschwächt sind. Unser KAB-Präses Michel war auch mit dem Platz. Er wurde von allen freudig begrüßt, die Türen geöffnet und herein gebeten.

Welche herausragenden Forderungen hat die Revolution aufgestellt

  1. Nach dem Umsturz können wir als Ägypter wieder stolz sein und selbstbewusst mit der internationalen Staatengemeinschaft zusammenarbeiten.
  2. Uns Christen ist bewusst, dass wir stärker politisch aktiv sein müssen und auch in einer neuen Regierung müssen christliche Politiker einen Platz finden.
  3. Die Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften müssen gestärkt werden.
  4. Wir wollen für die Menschen in Ägypten eine Grundsicherung bzw. Mindestlohn von 200 bis 300 Euro, damit die Menschen und ihre Familien leben können.
  5. Wir müssen das Miteinander der Religionen fördern und leben.

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Sehr interessanter Artikel, vielen Dank!

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