Jede Woche verkaufsoffener Sonntag

Als ich an meinem ersten Sonntag hier mit ein paar Jugendlichen von der JOC Lima in die Innenstadt ging um Unterschriften zu sammeln, befiel mich ein seltsames Gefühl. Wir waren auf dem Weg von einem großen Platz zu einem anderen und kamen dabei durch eine Fußgängerzone. Diese war gerammelt voll mit Menschen und außerdem mit jeder Menge Angestellter, die auf ihre Läden aufmerksam machen wollten. Teilweise verkleidet als Clowns, teilweise ganz schlicht in Jeans und T-Shirt. Es war etwa halb neun Uhr abends und als ich meine Begleiter fragte, ob das normal so ist, sagten sie mir, dass Sonntags immer viel los ist und die Läden deshalb eine große Show aufziehen. Von Maskottchen aus Fernsehserien über Clowns bis hin zu lauter Musik und Tanz ist da alles vertreten. Alles nur des Konsums wegen.
Als ich Abraham dann erklärte, dass viele Organisationen in Deutschland gerade darum kämpfen, den arbeitsfreien Sonntag zu erhalten, meinte er, dass das sehr wichtig sei, sie hier aber davon noch weit entfernt seien.
Wenn ich mir im Nachhinein Gedanken über diesen Abend mache, frage ich mich, ob das Ironie des Schicksals ist. Ob wir ständig in einem Auf und Ab leben und der Fortschritt mehr Schein als Sein ist, weil er irgendwann wieder verschwindet. Ist es überhaupt lohnenswert für etwas zu kämpfen? Oder ist alles nur Illusion?

Gestern habe ich von einer Frau gehört, die sich seit Jahren für Straßenkinder einsetzt und mit Hilfe von Spenden sogar ein Grundstück mitsamt Haus für ein Projekt erwerben konnte. Da eine Architektin aber der Stadt den Floh ins Ohr gesetzt hat, dass man genau an der Stelle ein Mehrfamilienhaus mit vielen Mietwohnungen errichten sollte und damit viel Geld verdienen könne, hat die Polizei jetzt die Kinder aus dem Haus vertrieben, alles was nicht niet- und nagelfest ist, entwendet und das Grundstück versiegelt. So schnell kann ein jahrelang erkämpfter Fortschritt durch Geldgier und Korruption innerhalb kürzester Zeit vernichtet werden. Ob das ungerecht ist oder nicht, danach kräht kein Hahn.

Es gibt noch viele andere Beispiele, aber zum Abschluss möchte ich euch noch eine Geschichte erzählen, die ein Jugendlicher in einer Diskussionsrunde über das Politikverständnis der Jugend erzählt hat:

Ein kleines Mädchen läuft durch die Straßen und hat nichts böses im Sinn, als sie zwei Erwachsene sieht, die sich unterhalten. Zwei Männer im Anzug, die aussehen, als hätten sie Einfluss. Sie nähert sich also an und hört den beiden zu: „Ja weißt du, ich habe jetzt alles erreicht. Und die Zeiten ändern sich nun mal. Meine Ideale von früher? Du weißt doch, wie das ist. Mit dem Alter hört man irgendwann auf zu träumen und merkt, dass man nichts ändern kann.“ - Als sie das hört, läuft sie zurück zu ihren Freunden und ruft ihnen schon von weitem zu: „Schnell, schnell. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir das jetzt tun. Denn wenn wir erwachsen sind, sind wir träge und faul.“

Ab Sonntag bin ich für zwei Wochen in Iquitos um dort die Arbeit der JOC zu sehen und an einigen Aktionen mitzuwirken. In dieser zeit werde ich schwierig zu erreichen sein. ich melde mich, sobald ich wieder da bin.

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Hallo Caro, habe nun das erste mal deinen Blog besucht. Das ist ja toll, so mit dir Verbindung aufnehmen zu können und von Dir zu erfahren. Wir haben gestern im Weltnotwerk darüber diskutiert, ob das Weltnotwerk als Entsendeorganisation für das Programm Weltwärts einsteigen soll. Stephen von der CAJ-BL und ich haben einiges vorgearbeitet. Leider war Stephen nicht dabei, da er zur Beerdigung des ehem. CAJ-Nationalkaplans Joachim Harner nach Stuttgart mußte. Die Mitgliederversammlung konnte gestern nicht entscheiden. Wir versuchen mit einer anderen bundesweiten Organisation eine Art Kooperation aufzubauen, so dass wir im ersten und zweiten Jahr vielleicht doch 6 bis 8 Jugendliche nach Beru und z.B. nach Uganda vermitteln können. Das mit dem Fahrrad in Lima läßt du aber sein. Da kann man ja nicht einmal mit dem Auto fahren. Gib doch der Fany einen lieben Kuss von mir. Sie war ja auch auf einem deiner Bilder zu sehen. Wenn du wieder in Lima zurück bist, möchte ich dich gerne auf "Missionsreise" schicken. Rede aber vorher mit Fanny darüber. Ich möchte dich bitten, dass du das Brillenprojekt besuchts, das ja vor vielen Jahren von der CAJ gegründet wurde. Wir finanzieren dort gerade Informationskampagnen in Pfarreien. Sie haben entsprechene optische Geräte und können die Sehstärke von Kindern und Erwachsenen messen, denen sie dann später Brillen geben, die bei uns gesammelt werden. Ich glaube das könnte für dich interessant sein, wenn du mal dabei ist. Eine andere Idee ist, dass ich dich in Kontakt mit Omar bringe, er war auch hier beim Weltjugendtag. Es ist aus der Pfarrei El buen pastor in Callao. Wir haben von der Pfarrgemeinde Friesenheim eine Partnerschaft. Dort gibt es auch viele Jugendliche und einen ganz tollen Pfarrer Zegarra, der auch Professor ist. Omar studiert an der techn. Universität. Also machs gut und hasta luego Otto, KAB
Hallo Otto, danke für deinen Kommentar. Es freut mich, dass ihr weiter an der Idee einer Entsendeorganisation arbeitet. Anfag Dezember organisieren wir ein Treffen für alle Kontakte, die wir in Lima haben, die sich für die JOC interessieren. Falls es Jugendliche in Callao gibt, die sich interessieren, sind die natürlich sehr herzlich eingeladen. Das mit dem Fahrrad ist gar nicht so schlimm wie es sich anhört. In vielen großen Straßen gibt es einen Radweg und ie rin Barranco kenne ic mich mittlerweile so gut aus, dass ich weiß, auf was ich acht geben muss... Liebe Grüße, Carolin

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