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Wahlen

Hallo Leute,

ich weiß, ich habe mich schon ewig nicht mehr gemeldet und mich plagt auch schon das schlechte Gewissen. Aber es ist so, dass ich derzeit recht viel zu tun habe und kaum Zeit für meinen Blog bleibt. Zum einen, da meine Aufgaben etwas klarer sind und ich mehr im Büro mithelfen kann. Ich bin gerade dabei die Interviews für das Partnerschaftsbuch zu übersetzen. Und wenn ihr noch irgendwelche Artikel oder Fotos über die Intercambios oder die Partnerschaft habt, immer her damit!

Außerdem habe ich mittlerweile 2 Jugendgruppen mit denen ich mich regelmäßig treffe. In den nächsten Sitzungen wollen wir auch ein paar Aktionen, denn zurzeit sind wir noch dabei uns zu gruppieren um erstmal rauszufinden was wir genau wollen. Hinzukommt, dass viele der Jugendlichen am Arbeiten oder Studieren sind und wir uns so nur am Wochenende treffen können.

Und dann kommen natürlich noch die Präsidentschaftswahlen hinzu. Der erste Wahlgang fand am 10. April statt und der 2. Wahlgang am 5. Juni. Und die Wahlkampagne waren um einiges schlimmer als bei den Bürgermeisterwahlen. Es gab mehr Konzerte, mehr Geschenke, mehr Wahlplakate – es wurde übrigens alles geschmückt, was nicht bei 3 auf dem Baum war, auch die Bäume –

aber auch um einiges mehr Skandale und Schlammschlachten. So haben sich z. B. die Kandidaten der politischen Mitte gegenseitig ins Aus gespielt. Denn keiner von ihnen hatte den 2. Wahlgang erreicht, da sich viele Peruaner nicht entscheiden konnten, welcher der zentralorientierten Kandidaten nun besser ihre Meinung vertreten könnte. Und auch von den Kandidaten sah keiner ein, auf Gunsten der Mitte zurückzutreten. So blieben für den 2. Wahlgang nur die 2 Extremen links und rechts übrig. Für die Linksorientierten steht Ollanta Humala (mit knapp 31 % aus dem 1. Wahlgang) und Keiko Fujimori (knapp 23 % aus dem 1. Wahlgang). Damit ging für mich das Bangen los, denn für mich war klar, dass ich Keiko Fujimori nicht als Präsidentin von Peru sehen möchte. Warum? werden sich jetzt viele fragen. Wie schon in einem Bericht vorher geschrieben, handelt es sich bei Keiko um die Tochter des Ex-Diktators Alberto Fujimori, der 2009 wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Kurze Zeit später lässt sich Keiko Fujimori als mögliche Präsidentschaftskandidatin für die Wahl 2011 aufstellen und gründet ihre Partei Fuerza 2011. Für mich hatte das nur eins zu bedeuten, dass sie ihren Vater aus dem Gefängnis befreien möchte. Daraus hat sie auch kein großes Geheimnis gemacht. Aber nicht nur das, sondern bis zu den Wahlen haben sich in ihrem Team viele ehemalige Fujimorianhänger versammelt, von denen einige eine nicht gerade schöne Vergangenheit haben. Und auch mit ihrem Programm trat sie komplett in die Fußstapfen ihres Vaters, so gab es in der ersten Version ihres Programms die Aussage, dass sie zur Stärkung der Sicherheit die Menschenrechte außer Kraft setzen würde. Im Nachhinein veränderte sie zwar diese Stellungnahme, dennoch bezweifle ich, dass sie es nicht doch machen würde.

So bin ich nun mal gegen Keiko. Aber auch gegen Ollanta Humala gab es verschiedene Vorwürfe. Er ist ehemaliger Oberstleutnant der peruanischen Armee, bei dem vermutete wird, dass er eine Meuterei gegen das Regime von Fujimori durchgeführt hat. Weiter Vorwürfe oder Ängste waren, dass er den Militärstil des venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavez übernehmen wollt, angebliche Verbindungen mit dem Leuchtenden Pfad hat und auch deren Führer aus dem Gefängnis befreien möchte. Zudem würde er die gesamten ausländischen Firmen aus Peru vertreiben wollen, was zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft führe.

Da nun nach dem 1. Wahlgang keine Mitte geblieben war, waren sich viele Peruaner unschlüssig, welches der 2 Extremen sie nun wählen werden. Mario Vargas Llosa, einer der bekanntesten Schriftsteller Perus und Nobelpreisträger hat es in einem Interview einmal so ausgedrückt, dass sich die Peruaner nun zwischen „AIDS und Krebs im Endstadion“ entscheiden müssen. Später als sich der Wahlkampf verhärtet hat, hat er seine Stimme, genauso wie Alejandro Toledo (Ex-Präsident und Präsidentschaftskandidat von Peru Posible), Ollanta Humala zugesprochen. Die zwei anderen größeren Präsidentschaftskandidaten der Mitte, Luis Castañeda und Pedro Pablo Kuczynski, sprachen sich für Keiko Fujimori aus. In der Zwischenzeit gab es jede Menge weitere Skandale und auch versuchte Attentat, die natürlich dem jeweils anderen Kandidaten zugeschrieben wurde. Und auch die Medien berichteten nicht mehr neutral (was eigentlich bei vielen keine Überraschung ist, da sie Privatunternehmen gehören). Als letzte blieb die Zeitung „La Republica“, aber auch diese hatte zum Schluss ihren Lieblingskandidaten. Und auch ich und andere Freiwillige machten mobil für ihren Favoriten, in meinem Fall Ollanta Humala. Auch wenn wir nicht wählen durften, so konnten wir doch zumindest argumentieren, warum wir - wenn wir könnten - den Kandidaten wählen würden. Dabei muss ich gestehen, dass mir die Leute von Humala besser gefallen haben, denn sie argumentierten mit logischen Dingen wie z. B. dass Humala Peru dezentralisieren will, in dem er die Provinzen modernisieren möchte. Bei Keiko kam hingegen meistens das Argument „ich wähle Keiko, weil sie eine Frau ist“.

Das letzte große Spektakel vor dem 2. Wahlgang war die Debatte am 29. Mai. In der die zwei Kandidaten verschiedene Fragen beantworteten. Dabei sprach Humala Keiko mit „primera dama“ (First Lady) an um auf ihre Funktion bei der Regierung ihres Vaters anzusprechen. Keiko antwortet hingegen mit „Kommandant Humala“ um auch auf dessen Vergangenheit anzuspielen. An Themen gab es allerdings nicht viel neues, so wurde Humala sein Programmwechsel vorgeworfen, da er, um auf die Parteien der Mitte zu zugehen viermal sein Parteienprogramm gewechselt hat und viele sich unsicher waren, welches Probgramm jetzt zähle. Und Keiko wurde wie üblich vorgeworfen, dass sie von all den Machenschaften ihres Vater wusste, letzter Skandal dabei war, dass in der Regierungszeit von Fujimori mehrere hunderttausend Frauen in den ländlichen Gegenden von Peru  zwangssterilisiert wurden. Ansonsten war die Debatte eher unspannend, es gab nun mal nichts, dass einen von seiner bisherigen Meinung hätte umstimmen können bzw. viele der Peruaner, die nicht wussten wen sie wählen sollten, wussten es danach immer noch nicht.

Auch wir, die JOC Peru, machten zwei Veranstaltungen zur Wahl. Zum einen eine Gesprächsrunde mit den IPROFOTH-Mädels, in der jeder über seine politische Meinungen reden konnten und wir je ein Video über jeden Kandidaten anschauten. Auch hier zeigten sich die üblichen Gerüchte, denn da die Mädels als Hausmädchen arbeiten, bekommen sie oft nur das mit, was in den Familien im Fernseher läuft oder eben die Familienmitglieder so berichten und fast keiner kauft sich in Peru eine neutral Zeitung, was wie schon gesagt auch fast nicht möglich ist. Es werden meistens Fernsehsender angeschaut, die eben nicht neutral sind und versuchen ihre Zuschauer zu beeinflussen.

Die andere Veranstaltung war eine offene Gesprächsrunde, zu der aber leider nur wenige Jugendliche kamen. Zudem mussten wir einen Saal anmieten. Die Organisation, der dieser Saal gehörte, hat kurzerhand unsere Veranstaltung mit ihrer zusammengeschmissen. Und so wurde aus einer neutralen Gesprächsrunde, ebenfalls eine linksgerichtete Veranstaltung, dennoch sehr interessant und da links Ollanta Humala bedeutet, für den sich die Nationalleitung der JOC ebenfalls aussprach, war es nicht ganz so schlimm. Aber es war schade, dass man sich einfach nirgends mehr neutral verhalten konnte und eine neutral Analyse aufstellen konnte. So wurde uns ein anderer Saal verwehrt, weil wir uns nicht für Keiko aussprachen. Das ist Wahlkampf in Peru.

Am 5. Juni war es so weit, der Tag des 2. Wahlgangs. Ich fuhr zusammen mit Cecilia, die Neue in der Nationalleitung, nach Cajamarca, da sie dort zur Wahl ging. Und so gingen wir zur Mittagsstunde wählen. Danach spielten wir noch ein bisschen Fußball bzw. schauten den Jungs von der JOC/MANTHOC Cajamarca beim Spielen zu. Abends wurde gespannt das Ergebnis des „schnellen Zählens“ abgewartet und wir hatten Glück, Ollanta Humala hatte mit 3 % Differenz gewonnen. Aber dies war noch nicht das offizielle Ergebnis und da wurde es noch mal spannend, denn viele vermuteten eine Manipulation von Keiko. Richtig fest stand das Ergebnis erst ein paar Tage später und Ollanta Humala hatte mit 51,4 % gewonnen. Aber auch am Sonntag feierten wir schon mal auf dem Plaza de Armas in Cajamarca. Mit Trommel, Blasorchester und Fahnen machten wir uns auf vom Plaza bis zum Haupthaus von Gana Peru (Humalas Partei) in Cajamarca.

Und ich habe wirklich Hoffnung mit diesem neuen Präsidenten von Peru. So reiste er kurz nach der Bekanntgabe des Ergebnisses in die Nachbarstaaten. Als erstes nach Brasilien, um so auch noch mal seine politische Richtung zu demonstrieren. Denn Humala bleibt linksorientiert, möchte sich aber eher an der Regierung des Ex-Präsidenten Lula von Brasilien als an die Militärregierung des Präsidenten Hugo Chavez von Venezuela halten. Sein Besuch in den anderen südamerikanischen Staaten verstärkt seine Idee von einer Union der Staaten, die an die EU angelehnt sein soll. Wir dürfen also gespannt sein, was ab dem offiziellen Amtsantritt am 28. Juli in Peru passiert. Die JOC ist aber auch in der Zwischenzeit nicht unaktiv in ihren politischen Aktivitäten. So versuchen wir zusammen mit anderen Jugendorganisationen zurzeit ein Jugendministerium beim Kongress durchzusetzen, denn dies gibt es nicht in Peru…

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