Das Allgemeinwohl der Konzerne

Ich bin gespannt, ob der Bahnstreik morgen zum ersten Mal auch mich treffen wird. Selbst, wenn das der Fall ist, ist das für mich kein Problem. Denn erstens trage ich das Anliegen der Lokführer gern mit und zweitens verfüge ich über den Luxus, im Notfall auch von zuhause aus arbeiten zu können.

Nun findet nicht jeder nur freundliche Worte für die Gewerkschaft der Lokführer (GDL). Viele Pendler sind auf die Bahn angewiesen, und wer sich wie ich komplett auf den öffentlichen Verkehr verlässt und gar nicht über ein Auto verfügt, spürt in diesen Tagen diese Abhängigkeit auf schmerzhafte Weise.

Die Bahn selbst führt das "Allgemeinwohl" an, das durch den Streik geschädigt würde. Damit meint sie den wirtschaftlichen Schaden, den der Streik durch die Störung des Personen- und Güterverkehrs verursacht. Dazu muss aber gesagt werden, dass die Millionenbeträge zwar enorm klingen, bislang aber nur einen winzigen Bruchteil unserer Wirtschaftskraft ausmachen. Erst unbefristete Streiks würden zu Kosten anderer Größenordnung führen, aber die sind von der GDL bislang nicht geplant.

Dass die Gewerkschaft damit nicht nur Vernunft und Verantwortung demonstriert, sondern auch Rückgrat, wertet Peter Michalzik in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau hoch:

Die GDL macht sich, allein durch die Wirksamkeit und Nachdrücklichkeit ihrer Aktionen, sogar um die Gewerkschaftsbewegung insgesamt verdient, auch wenn der DGB und Transnet davon nichts wissen wollen. Denn sie gibt den Gewerkschaften eine Idee von der Wirksamkeit des Streiks zurück und öffnet Handlungsspielräume.

Das wird anscheinend auch von der Öffentlichkeit geschätzt, denn nach wie vor herrscht vielerorts Offenheit und Toleranz für die Ziele des Streiks. Die GDL demonstriert, wie Arbeiter auch in einer globalisierten Gesellschaft den Hebel an einer neuralgischen Stelle ansetzen können, um rechtmäßig für ihre Belange einzutreten.

Michalzik beantwortet auch die Frage der Neinsager, "Ja was, wenn das alle tun würden?":

Es wird sich herausstellen, dass viel mehr Leute viel wichtiger sind, als sie gedacht haben.

Der Streik der Lokführer ist mehr als der Kampf um faire Bezahlung. Er transportiert eine Botschaft: Das Allgemeinwohl unserer Gesellschaft hängt von mehr ab als vom wirtschaftlichen Gedeihen ihrer Unternehmen.

(Jochen Lillich, Freiburg) 

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Du hast recht. Die Gewerkschaften sind derzeit ziemlich Geschwächt. Eindimensionales denken, das vor allem aus den der politischen Interessenvertretung und der Tarifpolitik der Gewerkschaften herauszulesen ist, Gewiss auch eine Kuschelhaltung gegenüber der Wirtschaft und sicher auch gewisse weitere Punkte mögen der Grund dafür sein.

Der Streik der GDL kann der Beginn einer Zeit sein, in der Gewerkschaften wieder an Macht und Bedeutung gewinnen und vor allem auch wieder ordentlich für Ihre Ziele kämpfen, anstatt mit der Wirtschaft abzustimmen, wann ein Streik denn am wenigsten wirtschaftsschädigend sei.

Nur nützt das in meinen Augen wenig, wenn die Ziele und Forderungen der Gewerkschaften weiterhin so Eindimensional und ihre Strategien weiterhin so statisch sind.

 

http://www.youtube.com/watch?v=RRgV9FLi324

 

In der Gesellschaft hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte einiges grundlegend geändert. Auch für die Tarifparteien ist es nun allerhöchste Zeit, sich an die neuen Anforderungen anzupassen. Eine Herausforderung, die man während den starken Zeiten der Gewerkschaften noch hätte besser anpacken können.

 

Außerdem möchte die GdL einen Weg gehen, mit dem ich mich beim besten Willen nicht einverstanden erklären kann. Ein eigenständiger Tarifvertrag für die GdL birgt die Gefahr, dass auch andere, ähnlich relevante Berufsgruppen den Lokführern ddiesen in ihren Forderungen nacheifern. Wir hätten dann jeden Monat eine andere kleine Berufsgruppe, die sich für besonders wichtig hält und deshalb irgendwas sauwichtiges in Deutschland lahmlegt. All diejenigen, für die man sich für nen Appel und ein Ei Ersatz bei Randstad mieten kann schauen dabei in die Röhre.

 

Sicher macht der Streik die Deutsche Bahn nicht kaputt. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass die deutsche Bahn gerade in Streikzeiten ihr Chaos besonders gut unter Kontrolle hat. Probleme hatte ich fast ausschließlich dann, wenn nicht gestreikt wurde. Dann lag es auch meistens am Service (egal ob Bahncard Service, DB Reiseservice oder Service an kleineren Bahnhöfen), oder dringend sanierungsbedürftigen Gleisen. Ich glube sogar fast, dass die GdL während der Streikzeit als Sündenbock herhalten darf.

 

Auch die deutsche Wirtschaft wird durch diesen Streik nicht untergehen. Dennoch habe ich Bedenken bezüglich der Forderungen der GdL insbesondere im Hinblick auf den eigenständigen Tarifvertrag.

Ich muss kallh1 vollkommen recht geben!
Ich finde auch, dass die Art und Weise, wie die GDL (oder die beiden Vorsitzenden?!?) die Diskussion (oder eben keine) führen nicht sehr Gewerkschaft-fördernd. Andere Gewerkschaften wären froh gewesen schon in einem so frühen Stadium 10 % angeboten zu bekommen. Hier geht es wohl eher um Profilierung (auf beiden Seiten). Dennoch... würden sich mehr Gewerkschaftler so einsetzen, würden sicherlich mehr Menschen einen Sinn darin sehen. Vielleicht, wenn jetzt die Wogen geklättet werden, ist das Ganze im Rückblick ein Gewinn für die Gewerkschaften.
Doch noch kann ich da nicht viel positives sehen.

(Hoffentlich wollen jetzt nicht noch alle Ex-Zivis oder Diözesansekretäre einen eigenen Tarifabschluss) Geld im Kopf

Es ist doch Aufgabe der GdL, die in ihr organisierten Lokführer zu vertreten! Und dieser Aufgabe kommt sie mit dem Streik nach. Kritisierst du, dass das Ergebnis dieser Vertretung nun ein eigener Tarifvertrag ist -- was aufgrund der Konstellation ganz normal ist -- oder kritisierst du nicht in Wirklichkeit, dass es keine gemeinsame Bahner-Gewerkschaft gibt?

Das ist aber ein ganz anderes Paar Stiefel. Die GdL ist m.W. eine der ältesten Gewerkschaften in Deutschland.

weder noch. ich hab nichts gegen einen eigenen tarifvertrag der gdl, der sich in das tarifgefüge der deutschen bahn eingliedert. genausowenig habe ich was gegen die gdl als eigene gewerkschaft. der EIGENSTÄNDIGE tarifvertrag ist das, was mir etwas sorge bereitet. und ob der tatsächlich zum vorteil der gewerkschaftsmitglieder ist, wird sich erst noch rausstellen. zum vorteil der gewerkschaft ist er auf jeden fall...

 

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,518128,00.html

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